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Beiträge: 4,146 Registriert seit: 18.06.2003 Ort: Essen | Musikverband nimmt Eltern ins Visier -
10.06.2005, 15:24
Wissen Sie eigentlich, was Ihre Kinder vor dem Rechner tun? Das Urheberrecht brechen und klauen, was nicht niet- und nagelfest ist, glaubt der Musikverband IFPI: Nach dem Muster "Raubkopierer sind Verbrecher" zielt der nun auf Eltern. Die sollen ihre kriminellen Kinder unter Kontrolle bringen.
Dem internationalen Branchenverband IFPI sind wir alle generalverdächtig: Seit über zwei Jahren sorgen er und seine Pendants in der Filmindustrie dafür, dass man uns in Zeitungen, Magazinen, im Radio, auf DVDs, im Kino und an jedem anderen denkbaren Ort die Botschaft um die Ohren haut, dass wir fiesen, gelegentlich "Gebrannte" goutierende Kunden eigentlich Schwerverbrecher sind.
Das gilt natürlich in noch weit höherem Maße für unsere kriminellen Kinder: Tatsächlich ist der größte, bestens organisierte Schwarzmarkt für Raubkopien der Schulhof. Doch Schüler beschränken sich nicht auf den fröhlichen Tauschhandel mit gebrannten CDs und Spielen - sie haben sich trotz oder wegen der bisherigen Anti-P2P- und Raubkopie-Kampagnen der Entertainmentindustrie auch als weitgehend Abschreckungsresistent erwiesen. Kampagnen-Klassiker wie der sturzdoofe Clip, in dem Kind die Mama fragt, wie oft man denn noch einsam Geburtstag feiern müsse, bis Papa endlich aus dem Knast kommt, sorgten unter Jugendlichen zeitweilig für Heiterkeit, werden aber mittlerweile nur noch als langweilendes Ärgernis empfunden.
Da, entschied die IFPI, der internationale Überbau der Phonoverbände, sei es ja wohl Zeit, den Eltern die Fährnisse der Download-Kriminalität ihrer Kinder noch einmal deutlich aufs Butterbrot zu schmieren: In den USA war die IFPI in die Kritik geraten, weil sie unter anderem auch Kinder wegen Copyright-Verletzungen verklagte.
Nette Aufklärungsbroschüre für Eltern
Jetzt kooperiert sie dort mit "Childnet International" und leistet sich die Verteilung einer freundlichen Aufklärungsbroschüre für Eltern, damit diese ihre Kinder endlich als das juristische Risiko wahrnehmen, das sie nach Meinung der IFPI darstellen. Flankiert wird die Kampagne durch Plakate in Plattenläden, Supermärkten, Bibliotheken und Schulen - und das alles nicht nur in den USA, sondern parallel in 19 Ländern der Welt, zu denen natürlich auch Deutschland zählt.
Die Broschüre weist deutlich auf die Risiken des Pornografiezugriffes über P2P-Börsen hin, auf Viren- und Spionagerisiken, vor allem aber auf das juristische Risiko für Eltern. Die sollten ihren Nachwuchs stattdessen dazu anhalten, auf legale, kostenpflichtige Möglichkeiten zuzugreifen.
Die haben, glaubt man einer aktuellen Studie des Marktforschungsunternehmen NPD Group (Selbstlob: "Global Leader in Sales and Marketing Information"), inzwischen eh die Nase vorn: Insbesondere iTunes schlage in Sachen Popularität inzwischen die meisten P2P-Börsen.
Leicht niedlich mutet allein der Ansatz der Studie an: Die bewirbt das Unternehmen mit der Schlagzeile "iTunes ist populärer als die meisten P2P-Dienste" und vergisst dabei nur den Nachsatz "außer den populären P2P-Diensten".
Denn die Studie vergleicht geschätzte Nutzerzahlen einzelner, ausgewählter P2P-Börsen mit den Angaben zu Kundenzahlen kommerzieller Musikdienste. Abgesehen davon, dass der Vergleich damit wohl in Bezug auf beide Anbietergruppen auf Mondzahlen beruhen dürfte, scheinen sich die Organisatoren der Studie auch größte Mühe gegeben zu haben, die populärsten P2P-Börsen aus ihrer Studie heraus zu halten.
Zum Sample des Marktforschungsunternehmens gehörten BearShare, Ares Galaxy, Morpheus, IMesh, LimeWire und KaZaA, auf der anderen Seite neben iTunes auch Napster und der Realplayer Store. Wirklich populäre P2P-Angebote wie eDonkey oder BitTorrent fehlen dagegen. Dass iTunes in Sachen Popularität den seit geraumer Zeit scheintoten, zur Schmuddelbörse verkommenen KaZaA-Dienst schlägt, ist dabei nicht wirklich überraschend. Dass sich der Apple-Dienst noch immer selbst mit einer medioker genutzten Börse wie LimeWire den Platz teilen muss, dagegen schon.
Von BitTorrent, dem in der NPD-Group-Studie ingnorierten Marktführer unter den P2P-Angeboten, wird geschätzt, dass er allein von 50 Prozent aller Datentauscher genutzt wird. Im Sommer 2004, der Hochzeit von BitTorrent, entfiel angeblich rund ein Drittel allen Internet-Datenverkehres auf BitTorrent-Anwendungen.
Auf dem Holzweg ist die IFPI mit ihrer Kampagne also durchaus nicht: Das "Problem P2P" ist noch immer weit davon entfernt, gelöst zu sein. Ob es allerdings durch die bisher gewählten Mittel - Abschreckungskampagnen, Klagewellen, nun "Eltern, passt auf Eure Kinder auf"-Broschüren - gelöst werden kann, bleibt fraglich.
Für den Fall, dass die Jugendlichen sich als nicht hinreichend auskunftswillig erweisen sollten (eine sehr plausible Annahme), enthält die Broschüre auch praktische Tipps, wie auch ahnungslose Eltern auf Festplatten P2P-Programme aufspüren und löschen können. Zumindest die innerfamiliäre Kommunikation über das Thema P2P dürfte die Broschüre damit wohl laut und deutlich fördern.
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